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Was versteht man unter Oberschwingungen

Oberschwingungen, auch Harmonische genannt, sind sinusförmige Spannungs- oder Stromanteile in elektrischen Netzen, deren Frequenzen ganzzahlige Vielfache der Grundfrequenz (in Europa 50 Hz, in Nordamerika, Saudi-Arabien und Teilen von Japan 60 Hz) betragen. Sie entstehen hauptsächlich durch nichtlineare Verbraucher, die den Strom nicht proportional zur angelegten Spannung aufnehmen. Diese nichtlinearen Lasten verursachen Verzerrungen des Strom- und Spannungsverlaufs, was zu Oberschwingungen ins Netz führt.
Die Präsenz von Oberschwingungen kann die Spannungsqualität beeinträchtigen und zu Problemen wie erhöhter Erwärmung von Betriebsmitteln, Fehlfunktionen empfindlicher Geräte oder zusätzlichen Verlusten im Netz führen. Daher ist es wichtig, Oberschwingungen zu analysieren und geeignete Maßnahmen zu ihrer Reduktion zu ergreifen.

Wie entstehenen Oberschwingungen?

Oberschwingungen entstehen durch nichtlineare Verbraucher im elektrischen Netz. Diese Verbraucher nehmen den Strom nicht proportional zur angelegten Spannung auf, was zu Verzerrungen des Strom- und Spannungsverlaufs führt.

So entstehen Oberschwingungen im Netz

1. Nichtlineare Lasten: Geräte wie Frequenzumrichter, Schaltnetzteile, LED-Treiber oder elektrische Schweißgeräte besitzen nichtlineare Kennlinien. Sie ziehen Strom impulsartig oder nur während bestimmter Phasen der Netzspannung.

2. Verzerrungsströme: Diese nichtlinearen Stromaufnahmen verursachen Verzerrungen im Netzstrom. Der resultierende Stromverlauf enthält neben der Grundfrequenz (50 Hz, bzw. 60 Hz) zusätzliche Frequenzanteile.

3. Fourier-Analyse: Mathematisch betrachtet lässt sich jeder verzerrte Strom- oder Spannungsverlauf als Summe von sinusförmigen Schwingungen unterschiedlicher Frequenzen darstellen. Diese zusätzlichen Frequenzanteile sind die Oberschwingungen, deren Frequenzen ganzzahlige Vielfache der Grundfrequenz sind (z. B. bei 50 Hz Grundfrequenz: 150 Hz für die 3. Harmonische, 250 Hz für die 5. Harmonische, usw.).

4. Rückwirkung auf das Netz: Die erzeugten Oberschwingungen speisen sich ins Versorgungsnetz zurück und haben einen negativen Einfluss auf andere Verbraucher oder Betriebsmittel.

Besonders betroffen sind Netze mit einem hohen Anteil an Leistungselektronik, da moderne elektronische Geräte oft nicht sinusförmige Ströme aufnehmen. Dadurch steigt der Verzerrungsgrad, und das Netz kann zunehmend belastet werden.

Auswirkungen von Oberschwingungen

Oberschwingungen verursachen eine Reihe von Problemen in elektrischen Netzen und Betriebsmitteln. Die wichtigsten sind:

 Erhöhte Erwärmung reduziert die Lebensdauer von Elektrogeräten

 Überlastung des Stromnetzes und Resonanzeffekte

  • Oberschwingungen können mit der Netzimpedanz in Resonanz treten, was zu gefährlichen Spannungsverzerrungen und Überströmen führt.
  • Dadurch steigt das Risiko für Geräteschäden oder Netzinstabilitäten.

 Fehlfunktionen elektronischer Geräte

  • Steuerungen, Schutzrelais und empfindliche Messgeräte können durch Oberschwingungen gestört oder falsch ausgelöst werden.
  • In IT-Systemen können Datenverluste oder Kommunikationsfehler auftreten.

 Beeinträchtigung der Spannungsqualität

  • Verzerrungen der Netzspannung durch Oberschwingungen können andere Verbraucher im Netz negativ beeinflussen.
  • Ein hoher Verzerrungsgehalt (THD – Total Harmonic Distortion) führt zu schlechter Netzqualität.

 Reduzierte Energieeffizienz

  • Die zusätzliche Blindleistung und die höheren Verluste durch Oberschwingungen führen zu einem ineffizienten Energieverbrauch (reduzierter Leistungsfaktor).
  • In großen Anlagen kann dies zu erheblichen Mehrkosten führen.

Zur Vermeidung dieser Probleme sind Oberschwingungsfilter, aktive Kompensationssysteme und optimierte Netzstrukturen notwendig.

Oberschwingungen und Blindleistung

Oberschwingungen verursachen eine spezielle Form von Blindleistung, die als Verzerrungsblindleistung (Distortion Reactive Power, Qd) bezeichnet wird.

  • In einem idealen Netz mit rein sinusförmiger Spannung und Strom gibt es nur Verschiebungsblindleistung (Q1), die durch Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung entsteht.
  • Oberschwingungen erzeugen zusätzliche Verzerrungsströme, die nicht zur Wirkleistung beitragen, aber dennoch das Netz belasten.
  • Diese Verzerrungsströme führen zu Verluste durch Wirbelströme und Ummagnetisierung, was eine erhöhte Erwärmung von Transformatoren, Leitungen und Motoren verursacht.

Da konventionelle Blindleistungskompensationsanlagen (z. B. Kondensatorbänke) meist nur für die Verschiebungsblindleistung ausgelegt sind, können sie die durch Oberschwingungen verursachte Verzerrungsblindleistung nicht ausgleichen. Stattdessen sind aktive Filter oder spezielle Drosseln erforderlich.

Sinusförmige Grundfrequenz f (1. Harmonische)

Phasenverschiebung: 2. Harmonische (2f)

4. Harmonische (4f)

Grundfrequenz f (dunkelblau), Harmonische (magenta) und verzerrte Frequenz (hellblau)

Messung und Berechnung von Oberschwingungen

Oberschwingungen können entweder direkt gemessen oder mathematisch berechnet werden. Beide Methoden liefern wichtige Informationen über die Netzqualität und mögliche Gegenmaßnahmen.

Wie kann man Oberschwingungen messen?

Oberschwingungen werden mittels spezieller Power Analyzer oder Oszilloskopen mit FFT-Funktion erfasst. Diese Geräte erfassen den Strom- und Spannungsverlauf und zerlegen ihn mittels Fourier-Analyse in seine harmonischen Komponenten.

Wichtige Messgrößen

  • Total Harmonic Distortion (THD-U, THD-I): Gesamtverzerrungsgehalt von Spannung (U) und Strom (I), angegeben in Prozent (%).
  • Einzelharmonische (H2, H3, H5, …): Amplituden der einzelnen Oberschwingungsordnungen, angegeben in Prozent der Grundschwingung (%) oder in Absolutwerten (Volt [V] für Spannung, Ampere [A] für Strom).
  • Spektrum der Oberschwingungen: Zeigt die Verteilung der Frequenzen (in Hertz [Hz]) und deren Amplituden.

Wie kann man Oberschwingungen berechnen?

Grundsätzlich können Oberschwingungen analytisch oder numerisch berechnet werden, z. B.:

  • Fourier-Analyse: Zerlegt einen verzerrten Signalverlauf in seine harmonischen Anteile.
  • Simulationsprogramme (z. B. PSCAD, MATLAB, PSpice): Erlauben die Berechnung von Oberschwingungsströmen in komplexen Netzwerken.
  • Empirische Formeln: In der Praxis werden genäherte Berechnungsmodelle genutzt, um typische Oberschwingungsströme von bekannten Verbrauchern abzuschätzen.

In der Praxis wird häufig der Gesamtverzerrungsgehalt THDI (Total Harmonic Distortion) berechnet und in Prozent angegeben. Damit beschreibt der THD-Wert den Einfluss aller Oberschwingungen auf den Gesamtstrom oder die Gesamtspannung. Ein hoher THD-Wert bedeutet eine starke Verzerrung des Strom- oder Spannungsverlaufs.

THD für Strom
THD für Spannung

Beispielrechnung: Wie hoch ist der THD?

Aufgabe

Gegeben: Ein nichtlinearer Verbraucher erzeugt folgende Ströme

  • Grundschwingung (50 Hz): I1 = 10 A
  • 3. Oberschwingung (150 Hz): I3 = 3 A
  • 5. Oberschwingung (250 Hz): I5 = 2 A
  • 7. Oberschwingung (350 Hz): I7 = 1 A

Gesucht wird:

  • Gesamtverzerrungsgehalt THDI
  • Gesamtstrom Iges

Berechnung THDI

Ergebnis: Der Gesamtverzerrungsgehalt des Stroms beträgt 37,4%.

Berechnung Iges

Ergebnis: Der tatsächliche Gesamtstrom beträgt 10,68 A anstatt der 10 A der Grundschwingung. Damit verursachen die Oberschwingungen eine Erhöhung des Gesamtstroms.

Interpretation

  • Ein TDHI von 37,4% weist auf eine deutliche Verzerrung des Stroms und damit auf eine hohe Blindleistung hin.
  • Der erhöhte Gesamtstrom mindert die Effizienz und damit die Wirtschaftlichkeit der Anwendung.
  • Zusätzliche Komponenten, wie Netzfilter (z.B. 3-phasige aPFC Filter) werden empfohlen

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Bewertung und Normierung von Oberschwingungen

Die Grenzwerte für Oberschwingungsströme werden in Internationalen Normen festgelegt:

  • IEC 61000-3-2 legt Grenzwerte für Oberschwingungsströme elektrischer Geräte mit ≤ 16 A Eingangsstrom fest, regelt deren Messung und teilt die Geräte in vier Klassen ein.
  • IEC 61000-3-12 legt Grenzwerte und Prüfverfahren für Oberschwingungsströme von Geräten mit einem Bezugsstrom über 16 A bis 75 A fest.
  • IEEE 519 definiert Grenzwerte für harmonische Verzerrungen in elektrischen Systemen und dient als Leitfaden für die Auslegung elektrischer Anlagen.
  • EN 50160 legt die Merkmale der Versorgungsspannung in öffentlichen Stromnetzen fest, einschließlich Oberschwingungen und hochfrequenter Spannungen.

Oberschwingungen reduzieren

Generell können Oberschwingungen durch verschiedene Maßnahmen reduziert werden. Häufig werden dafür technische Lösungen eingesetzt.

Beispiele für Maßnahmen zur Reduzierung von Oberschwingungen:

  • Auswahl von Produkten mit integrierten Lösungen
    Active Power Factor Correction (aPFC): Besonders geeignet bei variablen Lasten.
     
  • Externe Oberschwingungsfilter
    Aktive Oberschwingungsfilter (AH-Filter) können Oberschwinungsströme erkennen und gezielt kompensieren
    Passive Filter: Z.B. Netzdrosseln oder Kondensatoren und Induktivitäten kompensieren Oberschwingungsfrequenzen
     
  • Einsatz leistungsfähigerer Transformatoren
    Transformatoren mit möglichst hohem RSC-Wert (Kurzschlussverhältnis)

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Oberschwingungen in der Lufttechnik

Oberschwingungen spielen eine entscheidende Rolle in der Lufttechnik, insbesondere bei Lüftungsanlagen, die in Gebäuden, Industrieanlagen und kritischer Infrastruktur eingesetzt werden. Sie beeinflussen nicht nur die Effizienz und Langlebigkeit der Systeme, sondern auch die Versorgungssicherheit und Betriebssicherheit.

Moderne Lüftungsanlagen bestehen aus drehzahlgeregelten Antrieben, die oft mit integrierter Regelelektronik (EC-Motoren) oder externen Frequenzumrichtern (AC-Motoren) betrieben werden. Diese Umrichter sind typische Erzeuger von Oberschwingungen, da sie den Netzstrom nichtlinear belasten.

Besonders in der kritischen Infrastruktur, wie Krankenhäusern, Rechenzentren, Flughäfen oder Reinräumen sind stabile Lüftungsanlagen essenziell für Betriebssicherheit und Gesundheitsschutz.

Fazit: Warum müssen Oberschwingungen in Lüftungsanlagen minimiert werden?

  • Effizienz: Reduzierung von Energieverlusten und unnötig höheren Betriebskosten.
  • Lebensdauer: Schutz von Motoren, Umrichtern und Steuerungen vor Überlastung.
  • Betriebssicherheit: Kritische Infrastruktur darf nicht durch Netzverzerrungen gefährdet werden.
  • Nachhaltigkeit: Hohe Netzqualität ist Voraussetzung für energieeffiziente Gebäude der Zukunft.

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